Scheikh Imam Isa, Musikikone der ägyptischen Linken
Am 7. Mai 2011 präsentierte das Österreichisch-Arabische Kulturzentrum im Rahmen einer Veranstaltung zum ägyptischen Volksaufstand fünf Lieder des blinden ägyptischen Sänger „Scheikh Imam Isa“.
Gemeinsam mit dem Dichter Ahmad Fuaf Nagem gab Imam dem ägyptische Klassenkampflied eine neue Gestalt und setzte die Linie von Sayed Darwish (verstorben 1927) fort, der das Kairoer Lied mit sozialkritischen und agitatorischen Texten in Volkssprache versah und dadurch zur politischen Waffe machte.
Es ist daher nicht überraschend, dass die Lieder von Imam/Nagem Jahrzehnte lang verboten waren und nie von einem offiziellen ägyptischen Sender ausgestrahlt wurden. Das Duo selbst verbrachte mehrere Haftperioden in den Gefängnissen des Regimes.
Die Lieder wurden in den Sechziger, Siebziger und Achtziger Jahren heimlich unter den Studenten und politischen Aktivisten verteilt und erlangten im arabischen Raum große Popularität.
Imam Isa starb 1996 und konnte nicht hören, dass seine Lieder bei den Aufstandstagen am Kairoer Tahrir Platz die meist gesungensten waren.
Zur Feier des ägyptischen Volksaufstands präsentierte OKAZ fünf Lieder, gesungen vom libanesischen Musiker Moufid Nemeh und der jungen ägyptischen Sängerin Rabab Sami.
Eine deutsche Übersetzung wurde vom Mohammad Abu-Rous aufgearbeitet und vorgetragen.
Im folgenden die Übersetzungen:
Wer ist wer?
Wer sind sie und wer sind wir?
Sie sind die Prinzen und die Sultans
Sie: Das Geld und die Macht sind bei Ihnen
Und wir sind die Armen, die Habenichtse
So rate mal, denk scharf nach:
Wer von uns den anderen beherrscht?
Wer sind sie und wer sind wir?
Wir sind die Hackler, wir sind die Bauarbeiter
Wir sind das Freiwillige und die Pflicht
Wir sind die Leute lang und breit
Von unserer Arbeit lebt die Erde
Und von unserem Schweiß grünen die Gärten
So rate mal, denk scharf nach:
Wer von uns den anderen bedient?
Wir sind wir und wer sind sie?
Sie sind die Villa und das Auto
Und die eleganten Frauen
Konsumtiere, die nichts zu tun haben
als ihre Gedärme zu füllen
So rate mal, denk scharf nach,
wer von uns den andren frisst
Wer sind wir und wer sind sie?
Wir sind Nelken und Yasmin
Wir sind das Brennholz und das Feuer der Kriege
Wir sind die Armee, die befreit
Wir sind die Märtyrer durch und durch,
ob siegreich oder geschlagen
So rate mal, denk scharf nach,
wer von uns den anderen umbringt?
Wer sind sie und wer sind wir?
Sie sind Szenen mit Musik
Und Festzüge und Politik
Und ihr Hirn ist Schrott
Doch der Segen kommt von den Medaillen
So rate mal, denk scharf nach,
Wer von uns den anderen betrügt
Wer sind sie und wer sind wir?
Sie haben die neuste Mode an
Und wir wohnen sieben pro Zimmer
Sie essen Delikatessen und Fleisch
Und wir haben die Schnauze voll von
Bohnen, und die Bohnen von uns
Sie reisen mit Flugzeugen
Und wir sterben in Autobussen
Sie, ihr Leben ist rosa, schön
Sie sind eine Spezies, wir eine andere
So ene mene mu, raus bist Du!
Den wir mit diesem Lied meinen
Wenn das Volk aufwacht und ruft
Es heißt wir oder ihr auf dieser Welt
Rate mal, denk scharf nach
Wer von uns den anderen besiegen wird
In der „Burg“
Ich war auf der Burg und sah Yassin
Umzingelt von Militärs, und Zellen
Und Unglück, und Pech
Und Wachhunden
Schade, um diese Gartenblumen
Und ich traf
die schönen Jugendlichen von der Uni
Ahmd, Bahaa, Gmeiyi und Zein
Ihnen wurde sogar die Sicht versperrt
Und mitten am Mittag waren sie geblendet
Oh Bahiyya, beweine die Gesetze
*****
Und ich traf Siham
In menschlichen Worten,
die in den Mauern
geritzt und eingerahmt waren
Worte, über Ägypten
Über die Arbeiter von Hilwan
Die vergessenen Opfer dieser Ära
Oh Bahiya, beweine die Gesetze
****
Und ich traf auch Izzat und Gauad
Und auch Monder und Ziad
Die vier Helden,
die den Henker erschossen hatten
Wasfi el-Tal, den Judas der Fidayin
Oh Bahiya,
stolz sollst du sein auf solche Gefangene
***
Und höre, Land, die Quintessenz
Und ich sage es dir, und ich meine es ernst
Es ist unmöglich, dass die Lage so bleibt
Und das Schweigen der Leute andauert
Erbaue deine Paläste
Erbaue deine Paläste auf den Farmen
Aus unserer Arbeit und unserem Schweiß
Und die Saufbuden neben den Fabriken
Und das Gefängnis an der Stelle des Parks
Und lasse deine Hunde in den Straßen los
Und sperre uns in deine Zellen ein
Und raube uns den Schlaf
Wir haben eh lange genug geschlafen
Und füge uns noch mehr Schmerz zu
Denn wir sind von den vielen Schmerzen betäubt
Und jetzt wissen wir die Ursache unsrer Wunden
Und erkennen uns, und gehen los
Arbeiter, Bauern und Studenten
Unsere Stunde hat geschlagen
Und wir schlugen einen Weg ein ohne Zurück
Und der Sieg kommt uns näher
Und der Sieg wird bald sichtbar
Und der Sieg wird bald greifbar
Brief an die Front
Oh Abdulwadoud
Der vor der Grenze wachsam steht
Und die Ordnung bewacht
Wie geht es dir, Bursche? Gesund?
Hoffentlich bist du gut
Und schaust nach vorne
Deine Mutter betet für dich
Und lässt dich grüßen
Und sagt dir nach dem Gruß
Sei tapfer, wie dein Vater
Damit keiner fragt, wessen Sohn Du bist
Und dann übel redet
Oh Abdulwadoud,
Wie geht es dir die, wie geht es deinen Kollegen?
Hoffentlich geht es ihnen gut
Dein Onkel Zanati ist unterwegs zu dir,
mit den Freiwilligen
Deine Schwester geht täglich zum alten Spital
man bringt ihr bei,
während der Schlacht Ärztin zu sein
Und Mohammad Muafi lernt Feuerlöschen
Und sagt auch Kopf hoch, und wünscht dir Stärke
Und hier die verwandte, die Familie und die Kinder
Schicken ihre Grüße, dir und den anderen Männern
Oh Abdulwadoud
Ich werde es dir sagen
Obwohl du die Geschichte eh kennst
Denn das Blut deines Bruders
Ist noch nicht trocken
Wehe, deine Hand weicht vom Abdruck
Bleib wachsam, Sohn, bis zur Stunde der Abrechnung
Es ist Zeit, Sohn, es bleibt nur der Zeitpunkt
Dass Schluss gemacht wird,
und die Hunde weggefegt werden
Wenn du tatsächlich deines Vaters Sohn bist
Rächst du deinen Bruder
Und die gesamte Familie begrüßt dich
Und am Ende sage ich dir zum Abschied
Gott schütze unsere Heimat
Und bewahre uns den Frieden
Dein Vater, Hasan Mhareb
Wachmann des Taubenturms
Mütterchen Ägypten, O Bahiyya
Unser Gruß geht unserem Gerede voraus
Und geht an unsere Zuhörer
Ein kluger Vogel, der Gereimtes und Bedeutungsvolles zwitschert
Über ein schönes grünes Land
Ein Ufer, einen Fluß, und Boote
Über Genossen in einem langen Marsch
und das Bild von einer Ansammlung und von Menschenzügen
In den Augen eines Mädchens namens Bahiyya
Dem dieses Lied gewidmet ist
Mütterchen Ägypten
Oh Bahiyya
Mit deinem Schal und Dschellaba
Die Zeit wird alt, und du bleibst jung
Die Zeit geht weg, und du kommst
Du kommst, über jede Schwierigkeit hinaus
Eine Nacht ist vergangen, wie andere hunderte Nächte
Und dein Aushalten ist das Selbe
Und dein Lächeln ist gleich
Du brauchst den Morgen nur anzulächeln
und er scheint auf nach langer Nacht
und die Sonne scheint auf, um dich zu finden
nach wir vor, Hübsch und jung
Die Nacht ist wie Inselchen, die vom Meer überflutet werden
Während der Morgen eine Fackel ist, die hoch geht
Und die von keinen Wellen gelöscht werden kann
Und das Ufer ist sichtbar, Städte, die der Reihe nach von der Sonne besucht werden
Deine Hand in der unseren!
Hilf mit!
Mit Willenstärke, eine Stunde Geduld, gemeinsam
Und mit Standhaftigkeit sind wir bald dort
Mütterchen Ägypten, du bist wie ein Schiff
Egal wie hoch das Meer ist
Deine Matrosen sind Deine Bauern
Brauchen den Wind nur anzuschreien und er wird günstig
Am Steuer ist ein Arbeiter
Und am Ruder die stärksten
Und der auf der Mast sitzt sieht jede Zukunft und jede Vergangenheit
Zwei Knoten und der dritte, bezwingen wir jede Welle
und du erreichst das Festland der Sicherheit
Nach wie vor, Hübsch, und jung
Und unsere Gedichte kommen zurück und begrüßen die Freunde
Ein bunter Vogel, der wieder für die Freude singt
Er wirft die Lieder wie eine Saat
Die den Boden küsst, in Farben blüht, Früchte ergibt
Und erneut gesungen wird
Jener, der Ägypten erbaut hat, der muss ein Zuckerbäcker gewesen sein









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